♥-lich willkommen auf meinem Blog. Wenn ich mich kurz vorstellen darf, ich heiße Lena und komme aus Hessen. Ich hoffe euch gefallen meine Posts.

Sonntag, 22. Januar 2017

V e r h e i ß u n g

"Was hatte der Frühling zu bedeuten, wenn es schon bald wieder Herbst und alles verwelkt sein würde, was jetzt keimte?
Wie sollten wir uns über die Buchen freuen, deren Blätter ausschlugen, über die Stare, die nach Hause zurückkehrten, oder über die Sonne, die jeden Tag etwas höher am Himmel stand?
Das alles würde sich ja noch bald wenden und in die andere Richtung entwickeln, bis es dunkel und kalt war und keine Blumen mehr zu sehen waren und auch kein Laub mehr an den Bäumen. Das Frühjahr war zu nichts anderem gut, als uns daran zu erinnern, dass auch wir bald verschwunden waren.
Jedes mal, wenn ich meinen Arm hob, war es eine Erinnerung daran, wie bald er sinken und sich in nichts verwandeln würde.
Jedes mal, wenn ich lächelte und lachte, wurde mir schlagartig bewusst, wie oft ich mit demselben Mund, den selben Augen weinen würde, bis sich diese Augen eines Tages für immer geschlossen und andere lachen und weinen würden, bis auch sie unter der Erde lagen. Wir gingen umher, als existierten wir nicht. Ein Tag war wie der Andere. Und wenn wir uns die ganze Woche auf das Wochenende freuten, war das Wochenende doch bloß eine Enttäuschung, und dann war es wieder Montag, und alles fing von vorne an, und das war das Leben und nichts sonst.
Wir begannen zu verstehen, warum die Erwachsenen so aussahen, wie sie es taten. Und auch wenn wir uns geschworen hatten, nie so wie sie auszusehen, war genau das passiert. Wir waren noch nicht einmal fünfzehn.
Dreizehn. Vierzehn. Erwachsen. Tot."